30. März 2021

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Ich habe jetzt Handlungsvollmacht

Wenn du meinen Beitrag lieber hören anstatt lesen möchtest, bitte sehr 🙂


Heute begleite ich jemanden bei einer Work:
Marion (ihr wirklicher Name wurde von mir verändert), Mitte 50, leitende Angestellte. Eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht.

Marion ist gerade dabei, sich mit ihrem langjährigen Herzensanliegen ein zweites Standbein aufzubauen.

Sie gehört für mich zu den Menschen, die mit ihrer Arbeit die Welt aus vollen Herzen heraus ein kleines bisschen schöner machen wollen.

Doch irgendetwas hindert sie schon eine geraume Zeit daran, damit nach außen zu gehen. Immer wieder schiebt andere Dinge vor, die sie unbedingt erst noch erledigen muss.

Immer, wenn sie kurz davor ist, sich zu trauen, flüstert eine innere Stimme ihr zu: „Du bist noch nicht gut genug„.

Das war auch der Grund, weswegen sie ursprünglich zu mir kam.

Und da ein stressiger Gedanke meist nicht alleine auftaucht, haben wir bereits eine ganze Reihe davon untersucht.

Heute steht ihre Befürchtung „Ich werde bloßgestellt“ auf unserer Tagesordnung.

Mit geschlossenen Augen begibt sich Marion innerlich in eine typische stressige Situation aus ihrem Arbeitsumfeld, in der sie sich bloßgestellt fühlt.

Ich bemerke, wie sie sofort zappelig wird und unruhig auf ihrem Sitz hin und her rutscht. „Am liebsten möchte ich jetzt ganz dringend etwas essen, sonst halte ich die ganze Wut in mir nicht mehr aus“ höre ich von ihr.

Ich frage sie: „Welche Bilder aus deiner Vergangenheit tauchen auf?“

Marion erstarrt.

Sie wird aschfahl im Gesicht und presst ihre Lippen fest aufeinander.
„Ich bekomme gerade richtige Magenkrämpfe“ wispert sie mit schmerzverzogener Miene.

Ihre Augen füllen sich leise mit Tränen.

Wieviel Schmerz erträgt ein Mensch?

Da spüre ich es – sie ist wieder im Keller.

Sie ist wieder in ihrer Kindheit.
Sieben Jahre alt.
Sie muss immer und immer wieder in diesen Keller.
Mit ihm.
Alle wissen davon.
Doch keiner sagt etwas.

Ich fühle gerade eine große Hochachtung vor ihr.

Sie ist noch so klein. So verletzlich. So hilflos. So einsam. Ihre Scham und ihre Angst bringen sie fast um. Sie fühlt sich von der ganzen Welt im Stich gelassen. Sie will alles richtig machen. Eigentlich will sie gar nichts machen. Doch sie hat keine Chance. Sie kann nichts richtig machen. Ich sehe, wie sie weglaufen will. Sich verstecken. Ins Dunkel verkriechen. Keinen Menschen mehr sehen müssen.

Doch die erwachsene Marion bleibt in der Situation und stellt sich dem Schmerz.

Einem Schmerz, der sie heute noch, ein halbes Menschenleben später, von innen her aufzufressen droht.
Der seine Tentakel wie ein Riesenkrake aus der Vergangenheit nach ihr ausstreckt, um sie zurück zu ziehen ins Unerträgliche.

Ich schlucke. Es fällt mir schwer, die Distanz zu wahren.

Nach einer kleinen Mini-Meditation, mit der ich Marion aus ihren schmerzvollen Erinnerungen wieder in die Gegenwart zurück hole, komme ich zu meiner nächsten Frage:

„Wer bist du heute – jetzt und hier – ohne den Gedanken?“

Wer bist du ohne den stressigen Gedanken?

Während ich sie dabei beobachte, wie sie sich langsam in die Situation hineinversetzt, steigen mir Tränen in die Augen. Doch dieses Mal vor Freude.

Es ist die totale Verwandlung:
Marion blüht richtiggehend auf. Sie strahlt über das ganze Gesicht. Alles an ihr ist pure Freude.

Als ich von ihr wissen möchte, wie sie sich fühle, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: „G r o ß“

„Mindestens 3 Meter groß bin ich!“ ruft sie voller Begeisterung. „Ich fühle mich präsent.
Ich kann entscheiden, was ich tue. Ich mache einfach das, was ich wollte.
Ich habe das Recht dazu, etwas gut zu finden oder etwas abzulehnen!!!
Ich bin sooooo groß! Ich habe eine ganz andere Flughöhe als sonst.“

Auf meine Frage hin, wie sie denn jetzt mit den anderen umgehe – ohne den Gedanken – sagt sie in meinen Augen etwas ganz Großartiges.

Anstatt ihre neue Größe auszunutzen, um endlich Rache zu nehmen, hat sie ein ganz anderes Ziel:

„Ich beuge mich zu ihnen hinunter und begegne ihnen endlich auf Augenhöhe“.

Wow!

Die Kraft der Umkehrungen

Bei der Umkehrung „Ich werde nicht bloßgestellt“ erwidert Marion sofort, dass das für sie total wahr wäre.

„Das alles hat jetzt nichts mehr mit mir zu tun. Ich kann entscheiden und ich kann es selbst führen!“.

Ich wage mich an eine „Umkehrung ins äußerste Gegenteil“ und frage sie, was für sie das Gegenteil von „bloßgestellt“ sein könnte.

Zu dem Zeitpunkt hätte einiges darauf gewettet, dass Marion schon an die Grenzen ihrer Begeisterungsfähigkeit gelangt wäre.

Doch auf meine Frage hin schreit sie mir fast entgegen:

„Ja! Ja! Ich habe Handlungsvollmacht!

„Das habe ich noch nie so deutlich gesehen, aber es ist definitiv wahrer als alles andere!“.

Wenn mich jetzt jemand fragen würde, wie Glückseligkeit aussieht, würde ich einfach nur stumm auf Marion zeigen.

So eine unglaubliche Kraft steckt in ein paar Fragen und zwei Umkehrungen!

Der Weg in die Freiheit führt oft durch den Schmerz

Da ihre Kindheitserinnerungen schon mehrmals eine einflussreiche und vor allem schädliche Wirkung auf ihr heutiges Verhalten gezeigt hatten, bitte ich Marion am Ende unserer bewegenden Sitzung noch um etwas ganz Spezielles:

Ich frage sie, ob sie sich zutraut, zu ihren traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit ein Arbeitsblatt „Urteile über deinen Nächsten“ auszufüllen.

Damit könnten wir viele ihrer einschränkenden Glaubenssätze direkt an der Wurzel untersuchen.

Ich bemerke deutlich, wie schwer es ihr fällt.

Doch schließlich stimmt sie zu:
„Ich möchte endlich wieder frei sein und in Frieden leben können!“

Oft führt der Weg in die Freiheit durch den Schmerz.


Nachtrag

Normalerweise wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende.

Unsere Sitzung ist 4 Tage her und eben erhielt ich von Marion folgende Sprachnachricht:

Tatsächlich hat es bei mir doch etwas ausgelöst:
Nach einer weiteren schlaflosen Nacht – dass ich dann gekündigt hab´.

Ich habe gestern meinen Job gekündigt!

Ich bin aufgestanden und hab´ gedacht: „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt!“

Und mir geht es so viel besser.
Ich habe durchgeschlafen.
Ich bin so voller Energie!

Also das ist echt mega!
Und da hab ich auch gedacht: „Ist ja echt interessant!“
So lange habe ich daran rumgekaut.

Und dann einfach diese Arbeit am Montag mit dir!
Das war so mega, so gigantisch!
Und deswegen – ja – freue ich mich gerade total darüber!

Auf einmal bin ich frei und die ganze Welt liegt vor mir

Gänsehaut pur.
Mein ganzer Körper kribbelt, während ich das höre.

Anscheinend hat Marion ihre neu gewonnene Handlungsvollmacht ausgeübt.


Nachtrag 2

Inzwischen sind einige weitere Tage ins Land gegangen und heute morgen hat Marion „ihre“ Geschichte auch gelesen. Hier ihre Reaktion darauf:

Guten Morgen lieber Maik,

nun konnte ich den Blog in Ruhe lesen und bin total ergriffen davon. Wahnsinn!

Nicht nur die prägnanten und schlüssigen Formulierungen berühren mich tief, sondern auch die Bilder, die Du dazu gewählt hast.

Ich danke Dir von Herzen Maik.
Nicht nur für die Arbeit mir Dir, sondern auch für diesen schönen Bericht, den Du darüber geschrieben hast.

Seit ich gekündigt habe, geht bei mir „innerlich“ die Post ab und nun spüre ich auch wieder diese tiefe innere Freude in mir.

Es ist so ein inneres Vibrieren, ein tiefes intensives Gefühl, das ich früher hatte, wenn ich auf einem Konzert war, coole Musik hörte oder ein schönes Gedicht las.

Irgendwann vor 7 – 8 Jahren hab‘ ich bemerkt, dass es weg ist. Nun ist es wieder da. Immer wenn ich in mich reinhorche, ist es da, füllt mich und bereitet mir Gänsehaut.

DANKE – DANKE – DANKE!

Fühle Dich ganz lieb gedrückt und hab‘ eine gute Woche.

Liebe Grüße
Marion

The Work works!

Maik Richter


Tags

Byron Katie, Erlaubnis geben, Gedanken, Gegenwärtigkeit, Handlungsfreiheit, Selbstwirksamkeit, sexuelle Gewalt, The Work, Umkehrungen, Vergangenheit


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