24. März 2021

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Waschen-Schneiden-Worken

Hier kannst du dir die Geschichte auch gerne anhören 🙂


Endlich ist es soweit:
Heute habe ich meinen Friseurtermin!

Nach fast 3 Monaten Corona-bedingter Abstinenz ist aus meinem normalerweise
2-3 mm langem Kurzhaarschnitt inzwischen eine wahre Lockenpracht geworden.

Da ich direkt nach meinem Friseurbesuch zu einer wichtigen Verabredung will, stehe ich also pünktlich auf die Minute erwartungsvoll vor der Eingangstür meines Lieblingsfriseurs.

Und werde nicht reingelassen!

Mein Ego im Kampfmodus

Ein anderer Kunde wäre noch vor mir dran. Ich solle doch bitte noch etwas warten.

Plötzlich bemerke ich, wie sich mein Magen zusammenzieht, sich alles in mir verkrampft, meine Galle langsam nach oben steigt und dunkle Wolken, aus denen Blitze schießen, sich vor meinem geistigen Auge auftürmen.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein! Wozu habe ich überhaupt einen Termin gemacht, wenn ich dann nicht gleich drankomme?! Was glaubt der eigentlich, wer er ist – er ist nur ein Friseur, kein Arzt! Na der kann lange auf sein Trinkgeld warten. Eine Frechheit! Hier komme ich nie wieder her! Und überhaupt – die Corona-Vorschriften werden hier bestimmt auch nicht eingehalten…“

Zu meinem Glück denke ich mir das alles nur und spreche es nicht laut aus.

Er hält mich nicht für wichtig

Ja, was denkt es da in mir eigentlich genau?
Die Antwort taucht ziemlich schnell auf:

„Er hält mich nicht für wichtig.“

Da dieser Gedanke in mir anscheinend so wahnsinnig viel Stress auslöst und ich sowieso nichts Besseres zu tun hatte, beschließe ich, ihn mit einer spontanen Work vor Ort zu untersuchen.

  1. Ist der Gedanke wahr? – Ja.
  2. Kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass der Gedanke wahr ist? – Nein.

Die Antwort auf die 3. Frage: „Wie reagiere ich auf diesen Gedanken?“ durchlebte ich gerade.

Deshalb nehme ich für die 4. Frage „Wer wäre ich ohne den Gedanken?“ 3 tiefe Atemzüge aus dem Bauch heraus, konzentriere mich auf meinen Körper und werde so im Jetzt präsent.

Präsent sein bedeutet, ich bin achtsam im Augenblick und meine Gedanken kommen zur Ruhe.

Und plötzlich verändert sich alles – es wird für einen Moment ganz still in mir, alle meine belastenden Gedanken verschwinden wie eine Wolke am blauen Himmel. Ich fühle mich frei und eine tiefe Ruhe breitet sich in mir aus.

Auf einmal kann ich das Geschehen um mich herum klar und deutlich beobachten:
Eine Frau betrachtet ganz verzückt ihren neuen Style im Spiegel und macht Selfies von sich. Eine Friseurin gibt ihr ein Kompliment. Eine andere Kundin erzählt ohne Punkt und Komma jedem in ihrer Umgebung eine ihrer Lebensgeschichten. Ein neuer Kunde kommt zur Tür herein und ich helfe ihm für sein Corona-Meldeformular mit dem heutigen Datum aus. Vor einem Spiegel sitzt ein älterer Mann mit schwarzen Wachs-Pfropfen in Nase und Ohren.
Es herrscht eine muntere und ausgelassene Stimmung wie in einer Großfamilie.

Das alles hatte ich vorher mit meinem düsteren Gedanken im Kopf gar nicht wahrnehmen können.

Ich halte ihn nicht für wichtig


Ich mache mich an die Umkehrungen: „Ich halte ihn nicht für wichtig“.

Das stimmt in der Tat – ich behandle ihn wie einen Dienstboten und nicht wie einen Dienstleister. Mir fällt jetzt auch ein, dass alle Mitarbeiter hier bereits ununterbrochen seit 6 Tagen von früh morgens bis spät abends unter erschwerten Corona-Bedingungen arbeiten. Nur, damit Typen wie ich wieder kultiviert aussehen. Und sie sind ausnahmslos gut drauf und haben für jeden ein herzliches Wort übrig.

Inzwischen bin ich an der Reihe.

Völlig relaxed und mit einem Lächeln auf den Lippen begrüße ich meinen Friseur, nehme Platz und er macht sich an die Arbeit. Nebenbei erzählt er mir eine witzige Geschichte über seinen Bekannten, der die Methode der Barbiere, sich mit Feuer die Härchen im Ohr abzubrennen, falsch verstanden hatte und sich Rasierwasser ins Ohr spritzte und dann ein Feuerzeug dranhielt.

Ist gerade noch mal gut gegangen.
Das mit seinem Bekannten und mein Friseurbesuch.

Endlich!
3 Monate konnte ich wegen Corona nicht zum Friseur. Ich freue mich über meinen 2 mm Kurzhaarschnitt. Anlass für eine spontane Work.
Endlich wieder von Corona-Lockenpracht auf 2 mm Standard gestutzt

Wie aus Stress Prime-Time wird

Aus einer stressigen Situation, aus der sich eine Menge Ärger hätte entwickeln können, der noch lange die Atmosphäre verpestet hätte, wurde so für alle Beteiligten „Prime Time“, wie meine Tochter sagen würde.

Und anstatt gleich bei meinem Freund über unfreundliche Friseure und überhaupt zu lästern und uns in negative Gedanken und Emotionen rein zu steigern, nehme ich mein angenehmes Gefühl von innerem Frieden und Verbundenheit zu ihm mit.

Sein Trinkgeld bekommt der Friseur natürlich. Und ich freue mich schon auf unseren nächsten Termin 🙂

Während ich langsam zu meinem Auto gehe, kommt mir die Umkehrung zu mir in den Sinn:

„Ich halte mich nicht für wichtig.“

Dieser Gedanke trifft mich ganz schön. Ich musst mir eingestehen, dass da eine ganze Menge Wahrheit drinsteckt. Oft traue ich mich nicht, meine Meinung zu sagen, obwohl ich es gerne täte. Ich trete dann in den Hintergrund und hoffe, dass ich angesprochen und gefragt werde. Vielleicht war ich auch deshalb in dieser Situation so angetriggert, weil ich hoffte, die anderen erkennen von sich aus meinen Wert und behandeln mich entsprechend. Was sie aber nicht taten.

Ich glaube, diese Umkehrung demnächst mit einer Work zu untersuchen, wird mir guttun.
Womit sich wieder mal bestätigt hat: „Nach der Work ist vor der Work“.


Als ich am Abend die ganze Situation nochmals Revue passieren ließ, kam eine wertvolle Erkenntnis in mir hoch. Nämlich der Gedanke „Ich nehme mich zu wichtig

Das ist zwar keine Umkehrung im eigentlichen Sinne der Work, doch mir wurde klar, dass sich mein Ego am Anfang genau deshalb so aufgeblasen hat, um meinen Glaubenssatz „Ich nehme mich nicht wichtig“ zu kaschieren.

Genau darum geht es wohl im Leben:
Zu wissen, dass ich wichtig bin, mich aber nicht zu wichtig zu nehmen!

Um das zu verstärken, werde ich in Zukunft besondern dem Gedanken „Ich halte ihn für wichtig“ noch mehr Beachtung schenken.

Und das beziehe ich nicht nur auf Friseure.

The Work works!

Maik Richter


Tags

Ärger, Corona, Ego, Friseur, gelebte Umkehrung, Prime Time, Stress, The Work, Umkehrung


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